Freunden Sie sich mit einem AfD-Wähler an oder Was wir vom Trump-Schock lernen können

 

Dieser Essay erschien auf dem Blog von Die Offene Gesellschaft


Vom Bindestrich-Schock zum Heureka-Moment

Wo Trumps Wahlsieg kommentiert wird, dominiert ein Wort: Schock. Während dieser sich im Englischen attributiv zeigt, als „shocking success“ etwa, haben die Deutschen mit dem „Trump-Schock“ einen Bindestrich-Schock erlitten. Am Abend vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl hatte ich kein gutes Bauchgefühl. Als in London lebende Deutsche lag mir noch der Bindestrich-Schock des Sommers, das Brexit-Votum, im Magen. Vielleicht hätte ich trotzdem an die Unmöglichkeit des Trump-Siegs geglaubt, wenn da nicht John gewesen wäre. Ich lernte John während meines Highschool-Jahrs in Kalifornien kennen, jenseits von Hollywood und Silicon Valley. Ein Atomkraftwerk, Maisfelder, Cowboyhüte – ländliches Amerika und eine verwunderte Austauschschülerin aus dem Berliner Randgebiet.

John war nicht nur einer der intelligentesten im Jahrgang, sondern auch ein famoser Banknachbar, der mir über viele sprachliche und kulturelle Barrieren hinweghalf. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich ohne ihn wahrscheinlich noch heute in dem Advanced Physics-Kurs sitzen würde, in dem ich kein Wort verstand. Da John sich die Studiengebühren nicht leisten konnte, ging er nach dem Schulabschluss zur Army. Die würde ihm nicht nur das Biologie-Studium bezahlen, sondern auch noch einen Sold. Risiko gleich Null, schließlich sei man gerade in keinerlei bewaffnete Konflikte verwickelt. Das war im Sommer 2001.

Während ich wieder in Deutschland die Schulbank drückte und im gefühlten G-90 Abi machte, kämpfte er Bushs „War on Terror“ in Afghanistan. Zwei Jahre später kamen seine E-Mails aus dem Irak. Ich studierte in München, Paris und London. Er, kaum alt genug um zu Hause ein Glas Wein zu trinken, heiratete im Heimaturlaub seine Fernbeziehung. Danach hörte ich nur noch wenig von ihm. Bis uns Mark Zuckerberg auf Facebook wieder zusammenbrachte. John, mittlerweile geschieden, fand nicht mehr ins zivile Leben zurück und gab sein Studium auf. Der clevere Junge, der die Berechnung der Gesamtenergie eines Elektrons auf der n-ten Bahn im Bohrschen Atommodell durchblickte, hält sich bis heute mit prekären Jobs als Wachmann über Wasser – und torpediert meine harmonische Facebook-Seite mit Posts über Waffen (positiv), Islam (negativ) und allerlei betont Männliches. Mehrmals schon wollte ich ihn mangels Wertekongruenz aus meiner Freundesliste löschen oder wenigstens seine Beiträge entfernen. Ich tat es nicht, und so wurde John für mich zum US-Stimmungsbarometer. Vor wenigen Wochen verkündete er, bisher bei jeder Wahl die Republikaner unterstützt zu haben; und er sehe keinen Grund, jetzt etwas anderes zu tun. Für mich ein Heureka-Moment der unangenehmen Art!

Wir verkennen die Anhänger der Populisten

Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, Trump-Wähler seien dumme und/oder manipulierte Hinterwäldler, die nicht wissen, was sie tun. Hier agiert auch nicht eine Art Anti-Wir, ein dissozialer Gegenentwurf unserer selbst. Wähler wie mein Freund John haben sich ganz bewusst für Trump entschieden. Für eine große, heterogene Gruppe von Amerikanern ist dies durchaus eine vernünftige Entscheidung. Denn durch Trump werden ihre Werte - ich schreibe dies bewusst nicht in Anführungszeichen - weit besser vertreten als durch Clinton. Diese Negation universeller Werte, wenigstens ihrer allgemeinen Erkennbarkeit durch menschliche Vernunft, ist für mich die schmerzvollste und zugleich die wichtigste Erkenntnis.

Um bei der Bundestagswahl 2017 eine ähnliche Schocksituation zu vermeiden, müssen wir uns eingestehen, dass die Grundwerte unserer westlichen Gesellschaft - Toleranz, Gleichheit der Geschlechter, Offenheit - leider nicht universal von allen Mitgliedern dieser Gesellschaft getragen werden. Dass die Gegner der offenen Gesellschaft in ihrer Mitte und unter dem Radar der Meinungsforscher erstarken können. Wer kündigt freiwillig einen geplanten Normenverstoß an? Soziale Erwünschtheit nennt man dieses Phänomen, bei Umfragen nicht nach der persönlich zutreffenden Einstellung zu antworten, sondern nach der angenommenen Mehrheitsmeinung, mit dem Ziel, sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Peinliches macht der Mensch halt lieber heimlich, egal ob es dabei um Popel oder Populismus geht.

Wir unterschätzen, wie viele Menschen Populisten unterstützen (würden)

In Deutschland können wir aus dem Trump-Schock lernen, auf keinen Fall die Gegner der offenen Gesellschaft zu unterschätzen. Gern übersehen wir zum Beispiel, dass die (sozialen) Netzwerke, in denen wir uns bevorzugt bewegen, alles andere als eine zufällig ausgewählte Stichprobe der Gesamtgesellschaft darstellen. Dieses soziale Filtrat postet Kommentare und Links zu Medienerzeugnissen, die ihrem und damit meist auch unserem Weltbild entsprechen. Was stört, wird weggeklickt. Medienbildung durch Meinungen, statt Meinungsbildung durch Medien. Das ist gemütlich, aber eben nur ein Ausschnitt der Realität, eine Blase. Und wir glauben: Die Mehrheit denkt wie ich!, bis uns ein Bindestrich-Schock das Gegenteil vor Augen führt. Dasselbe gilt natürlich auch für Menschen, deren Ansichten von unseren grundverschieden sind. Durch Trigger-Events wie das Brexit-Votum, glauben nun auch die Bewohner eines sehr viel kleineren Realitätsausschnitts, die Mehrheitsmeinung zu vertreten. Darum beanspruchen sie lautstark die Mitte der Gesellschaft, wo wir unseren angestammten Platz haben und verteidigen müssen. Davon dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen, verharmlosen sollten wir es aber auch nicht.

Raus aus der Blase!

Wir brauchen ein Forum wie „Die Offene Gesellschaft“, um uns daran zu erinnern, dass Deutschland nicht Amerika ist. Damit wir im gegenwärtigen Schockzustand nicht ins andere Extrem, in die Sprachlosigkeit des „Niemand-denkt-wie-ich“ taumeln. Es macht uns Mut und sorgt dafür, dass wir gehört werden. Allein es sorgt nicht automatisch dafür, dass wir auch verstanden werden. Die Gegner der offenen Gesellschaft werden nicht dadurch zur Kursänderung bewegt, weil wir uns hier gegenseitig in unseren Ansichten bestärken. Wir müssen raus aus der Blase!

Um bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr einen AfD-Schock zu verhindern, müssen wir vor allem potentielle Nichtwähler davon überzeugen, dass ihre Stimmen zählen. Nicht nur Trumps Anhänger haben ihm ins Weiße Haus verholfen, sondern vor allem auch Millionen von Nichtwählern, die glaubten, die offene Gesellschaft würde auch ohne ihre Teilnahme am demokratischen Prozess fortbestehen. Lassen Sie uns für unsere Werte einstehen und die Gleichgültigen aufrütteln!

Für die Wiederherstellung der Konsensgesellschaft werden wir mehr Zeit benötigen als bis Herbst 2017. Anhänger populistischer Bewegungen sind weitgehend beratungsresistent. Unsere Argumente werden durch den Filter ihrer Ideologie laufen, meist verzerrt ankommen und zurückgewiesen werden. Unumgänglich wird jedoch die Einsicht sein, dass die Abhängigkeit der Ausgeschlossenen und Abgehängten in Wahrheit eine Interdependenz ist. Wo es an sozialer Mobilität mangelt, stauen sich an den gläsernen Decken destruktive Energien, entfaltet die Gleichheit eines gemeinsamen Untergangs ihren nihilistischen Reiz. Hierin liegt die Macht der Protestwähler: den Brexit-Befürwortern war es gleich, ob sie sich mit ihrem Votum selbst schädigten, so lange die anderen nur auch nicht ungeschoren davonkämen. Zu lange wurde in Deutschland von Chancengleichheit gesprochen, während sich Hartz-IV Dynastien in der Vergeblichkeitsfalle einrichteten. So darf es nicht weitergehen! In einer offenen Gesellschaft muss für alle Platz sein, sonst verdient sie ihre Gegner. Inklusion ist das Schlüsselwort. Darum: Freunden Sie sich mit einem potentiellen Trump- oder AfD-Wähler an! Wenigstens auf Facebook. Hören und sehen Sie hin, wenn die Feinde der offenen Gesellschaft auftreten, auch wenn Ihnen dabei mulmig wird! Wenn wir besser verstehen, können wir bessere Lösungen finden. Wir haben viel zu verlieren. Halten wir’s fest!

Foto: Delstudio / Dreamstime

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